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PORT-AU-PRINCE·BREMEN. Christoph Kolumbus soll Haiti mit dem Paradies verglichen haben, als er die Insel vor über 500 Jahren betrat. Heute gleicht der Karibik-Staat eher dem Vorhof zur Hölle. Blutige Unruhen, politische Machtkämpfe, Mordbrennerei und Korruption sind dort an der Tagesordnung. Die Kinder in Haiti haben die schlechtesten Überlebenschancen in der westlichen Welt. Die Aids-Rate ist die höchste außerhalb Afrikas. Der neu gewählte Präsident René Préval steht vor gewaltigen Herausforderungen. Der Wahlkampf war von blutigen Ausschreitungen überschattet. Nun soll der 63jährige, in Belgien ausgebildete Agrarwissenschaftler am 21. Mai vereidigt werden. In einem typischen Bremer Reihenhaus in einer stillen Seitenstraße in Findorff wird die Situation in Haiti genau beobachtet: "Vielleicht stabilisiert sich die Lage, und ich kann endlich mal wieder rüber fahren", hofft Rudolf Mentges. Eigentlich arbeitet der 54-Jährige bei einer großen Versicherung. Doch sein Herz gehört schon lange Haiti. Besonders fasziniert ihn der Vodoun-Glaube (umgangssprachlich: Voodoo). Der ist in dem Inselstaat seit einigen Jahren offiziell als Religion anerkannt. Die Wurzel des Vodoun liegt in Afrika. Mit den schwarzen Sklaven kamen ganz unterschiedliche Glaubens- und Religionsformen nach Haiti. Dort vermischten sie sich mit dem Katholizismus und anderen religiösen Strömungen zum heutigen Vodoun, dem haitianischen Schamanismus. Rudolf Mentges hat bei einer Reise nach Haiti selbst an Vodoun-Zeremonien teilgenommen. Jetzt hat er ein Buch über diese geheimnisvolle und oft missverstandene Glaubensrichtung geschrieben. Abgehackte Hühnerköpfe, blutbespritzte Wände oder Nadel gespickte Puppen sucht man in seinem Reihenhaus allerdings vergeblich. Vodoun ist mit allerlei Vorurteilen und Aberglauben belegt. "Wer lässt sich schon auf Vodoun ein?" fragte er sich auch selbst zunächst und war bei seiner ersten Begegnung mit der Religion verunsichert. Mentges hatte sich jahrzehntelang mit den unterschiedlichsten Religionen und Lebensformen befasst. Er hatte studiert, war viel gereist und hatte sich für Zen, Tarot und Astrologie interessiert. Bei einer Reise nach Haiti erlebte er in einem Vodoun-Tempel in der Nähe von Port-au-Prince seine spirituelle Einführung in die Vodoun-Rituale. In seinem Buch beschreibt er fachkundig und von persönlichen Erlebnissen geprägt die von Mythen umrankte Naturreligion und ihren Platz in der haitianischen Gesellschaft. Er schildert eine typische Vodoun-Zeremonie: Trommeln dröhnen, der merkwürdig schwermütige, tranceartige Gesang brandet durch die Nacht. Ein mitreißendes, geheimnisvolles, aber auch euphorisierendes Erlebnis, bei dem Mentges schließlich mit den Haitianern durch die Karibiknacht tanzte. Mentges weiß, dass solche Geschichten für viele hierzulande seltsam, gar verrückt klingen. "Die wenigsten Menschen können heutzutage noch etwas mit Religion anfangen", sagt er. "Wir haben hier unseren Vodoun längst ausgerottet." Er meint die Druiden, Weisen und Heiler längst vergangener Tage. In Haiti, so sagt Mentges, habe er mit dem Glauben auch die Lebensfreude wiederentdeckt. Außerdem so erklärt er in seinem Buch, ist Vodoun für die Menschen in Haiti viel mehr als nur ein Glaube - es ist eine Lebensform und das Rückgrat der Dorfgemeinschaft. Im Mittelpunkt einer jeden Glaubensgemeinschaft, eines so genannten Lakou mit bis zu 500 Menschen, steht der Priester. Er ist mehr als nur ein religiöses Oberhaupt. Der Priester - oft ist es eine Frau - ist zugleich Heiler und Berater der Gemeinschaft. Um diese traditionelle Form des Zusammenlebens zu unterstützen, hat Mentges zusammen mit ein paar Freunden schon vor sieben Jahren den Verein "Herz-von-Haiti" gegründet. "Wir wollen, dass die Menschen in Haiti ihre Überzeugungen in Würde leben können." Deshalb unterstützt der Verein den Bau von Brunnen und Bewässerungsanlagen, Grundschulen, Gesundheitszentren und Hühnerfarmen rund um die Lakous. "Wir helfen aber auch dabei, botanische Gärten für Heilpflanzen anzulegen, damit das alte Wissen um Naturheilmittel und ihre Anwendung nicht verloren geht", erklärt Mentges. Mit seinem Buch und der Arbeit des Vereins will Rudolf Mentges aufklären: "Wir wollen Vodoun aus der Schmuddelecke herausholen", sagt er. Und vielleicht, wenn die Götter gnädig sind, wird dann auch Haiti irgendwann wieder zu dem Paradies, das es einst mal war. "Vodoun Initiation", von Rudolf Mentges, Spirit Rainbow Verlag, Aachen 2005. Im gleichen Verlag ist auch der Roman "Der Blick in den Spiegel" erschienen, in dem Mentges literarisch verbrämt seine spirituelle Suche nach neuen Wahrheiten schildert. Weitere Informationen unter www.herz-von-haiti.de
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